Akademischer Werdegang

Geboren am 27. 6. 1928 in Wien und aufgewachsen in einer Zeit bedrängender wirtschaftlicher Not, konnte Alexander Tollmann in den letzten Kriegstagen einer Einberufung zur Wehrmacht nur knapp entkommen. Doch dadurch war es ihm möglich seine Schulausbildung ohne Unterbrechung durch Kriegsdienst und möglicher Kriegsgefangenschaft im Juni 1946 planmäßig mit der Matura (die er mit ausgezeichnetem Erfolg absolvierte) abzuschließen.

Ein im selben Jahr begonnenes Lehramtsstudium der Naturgeschichte und Geographie beendete er 1951 erfolgreich, um unmittelbar daran ein Doktoratsstudium der Geologie und Paläontologie anzuschließen. Seine im Rahmen dieses Studiums verfasste Dissertation „Das Neogen am Südwestrand des Leithagebirges zwischen Eisenstadt und Hornstein“ wurde am 1953 approbiert. Das Studium selbst beendete er glanzvoll sub anspicis praesidentis (15. 1. 1955).

Schon während des Studiums war er am Geologischen Institut zeitweilig als wissenschaftliche Hilfskraft angestellt, später, nach seiner Promotion, als nichtständiger Hochschulassistent (im Rahmen von Dienstverträgen, die im Zwei- später Vierjahres Rhythmus verlängert wurden). Auch seine Habilitation im Jahre 1962 änderte nichts an diesem prekären Anstellungs-verhältnis. 1969 wurde ihm der Diensttitel eines a.o. Univ.-Prof. verliehen.

1972 wurde Tollmann als Nachfolger von Prof. Clar als Ordinarius an das Geologische Institut der Universität berufen, das schon bisher seine Arbeitsstätte gewesen war. Dieses Amt hatte er bis zu seiner Emeritierung am 30. 6. 1996 inne. (In der Folgezeit sollte es bis Frühjahr 2007 dauern, bis das vakante Ordinariat wieder besetzt wurde!). Die Erlangung dieses Lehrstuhles, den einstmals der berühmte Eduard SUESS innegehabt hatte, erfüllte Tollmann, der ein besonderer Verehrer dieses Forschers war und dem er auch mehrere wissen-schaftsgeschichtliche Publikationen gewidmet hatte, stets mit besonderem Stolz. In Vorträgen und Vorlesungen war Tollmann – ähnlich wie es von Eduard Suess berichtet wird – ein packender Redner, der seine Zuhörer für sein Fach begeistern konnte.

 

Tollmanns wissenschaftliche Bedeutung

Als erfolgreicher Wissenschaftler war Tollmann unter Berücksichtigung des Erreichten eine singuläre Ausnahmeerscheinung. Erst 35-jährig initiierte er mit den in seinem Buch „Ostalpensynthese“ dargelegten Ansichten über den Bau der Ostalpen eine Jahrzehnte währende Diskussion. Dieser geniale Wurf wurde von ihm in späteren Jahren mit unendlichem Fleiß zu einem dreibändigen enzyklopädischen Werk, die Geologie von Österreich betreffend, ausgebaut – eine Arbeit, die bis heute ohne Beispiel ist und es auch ein weiterer Zukunft bleiben wird.

Der zündende Funken von Tollmanns „Ostalpensynthese“ hatte vor allem deshalb so heftige Reaktionen ausgelöst, da gerade damals der seit Beginn des 20. Jahrhunderts etablierte (und zunächst auch heftig umstrittene) Deckenbau der Alpen erneut – teils generell, teils in lokalen Details – in Zweifel gezogen wurde. Dieser neoautochthonistischen Sichtweise, hat Tollmann, der als Schüler des von seinen Gegnern als Nappisten verschrienen Leopold KOBER, auf der Seite der Vertreter eines weiträumigen Deckenbaues stand, entschiedene Grenzen gesetzt.

Vor allem der Bau der Kalkalpen war zu dieser Zeit von den zahlreichen Vertretern der „gebundenen Tektonik“ in ihrem Sinne umgedeutet worden. Es war schwer, sich gegen die zahlenmäßig erdrückende Zahl von Forschergruppen, die vor allem von deutschen Universitäten kamen und ihre neoautochthonistischen Vorstellungen zum alleinigen Leitbild erhoben hatten, als Einzelperson durchzusetzen.

1969 hat Tollmann in einer generalstabsmäßig geplanten, nur wenige Wochen dauernden Kampagne alle die in der Literatur genannten, den Deckenbau der Kalkalpen scheinbar widersprechenden strittigen Punkte im Felde aufgesucht und die bisherigen Beobachtungen als falsch erkannt. Mit seinen auf diese Beobachtungen Bezug nehmenden Publikationen hat er eine Vorstellung, die sich zu dieser Zeit zu einer gängigen wissenschaftlichen Leitidee emporgeschwungen hatte, als falsch demaskiert und widerspruchslos abgetötet. Tollmanns Kampf gegen die Neoautochthonie offenbart zugleich zwei Wesenszüge dieses Forschers: die genaue Vorplanung seines Handelns, verbunden mit der Negierung und Überwindung aller einer Durchführung widerstrebenden physischen Schwierigkeiten.

Hauptergebnisse von Tollmanns Fleiß – und zugleich unvergängliche Monumente – sind jene 6 dicken Bücher, die er geschrieben hat: 3 Bände, der Geologie der Kalkalpen gewidmet und weitere 3 Bände, welche die Geologie Österreichs behandeln. Diese monographische Oeuvre umfasst mehr als 4000 Seiten! Hier stellt sich die Frage, wie er dieses unglaubliche Werk schaffen konnte. Eine robuste Physis, verbunden mit einem luciden Geist, der die schwierigsten Probleme rasch zu durchdringen wusste, ausgestattet mit einem blendendem Gedächtnis und getrieben von einem brennenden Ehrgeiz, der Beste sein zu wollen – das waren die Hauptelemente seines Erfolges, den er durch genaue Planung seines Handelns beträchtlich zu steigern wusste.

Bei dem gewaltigen komplitatorischen Werk der erwähnten 6 Bände darf nicht außer Acht gelassen werden, dass Tollmann zu Beginn seiner Forscherkarriere riesige Flächen in den Ostalpen, vorzugsweise in den Radstätter Tauern und im Salzkammergut, neu kartiert hatte. Erst diese, meist unter schwierigsten Rahmenbedingungen geleistete Feldarbeit ermöglichte es Tollmann später Ergebnisse anderer Geologen klarer zu beurteilen und in ein größeres Konzept einzuordnen.

 

Tollmanns Rolle als Antiatom- und Umweltaktivist

Erst durch seine Tätigkeit in der Antiatom- und Umweltbewegung ist Tollmann einem größeren Personenkreis bekannt geworden. Für Tollmann als einen die finalen Konsequenzen einer Entwicklung meist frühzeitig Erkennenden, war der Bau und die drohende Inbetriebnahme des Atomkraftwerkes Zwentendorf jene nötige Initialzündung um sich abseits seines angestammten Fachgebietes zu engagieren. Wie bei allen seinen Aktivitäten war es ihm auch in diesem Falle abseits seines Faches möglich in kürzester Zeit ein den Problemkreis Atomkraft betreffende Fülle an Datenmaterial anzusammeln und aufzubereiten, um so der Argumentation der Atomkraftbefürworter Paroli bieten zu können.

Auf der Basis geologischer Untersuchungen konnte er auch zeigen, dass der gewählte Standort des AKWs, auf einer erdbebengefährdeten Bruchzone gelungen, höchst bedenklich war.

Die Kampagne für die schließlich erfolgreiche Volksabstimmung gegen die Inbetriebnahme des AKW Zwentendorf, wie auch die Abwehr späterer Versuche, die fertig gestellte Anlage doch noch zu eröffnen, ist weitgehend mit der Person Tollmann verknüpft. Diese Aktivitäten haben ihn in weiten Bevölkerungskreisen bekannt gemacht, ihn aber zugleich erbitterte Feinde geschaffen. Die im Vorfeld der Volksabstimmung mit demokratiepolitisch bedenklichen Mitteln versuchte und praktizierte Behinderung der Antiatombewegung hat Tollmann in seinem in Eigenverlag herausgebrachten Buch „Desaster Zwentendorf“ (1982) dokumentiert, welches ein honibles Sittenbild (österreichischer) Realpolitik beschreibt.

Weniger erfolgreich war Tollmann mit seinem Versuch als Umweltaktivist in der Politik zu reüssieren. Hier erging es ihm wie den meisten unerfahrenen Quereinsteigern, die von geübten Berufspolitikern mühelos and die Wand gespielt werden – und dies meist nicht auf der Basis sachlich überlegener Argumentation.

In seinem Spätwerk ist Tollman als ein apokalyptischer Mahner und ein die Grenzen naturwissenschaftlicher Erkenntnis Überschreitender bekannt geworden. In dem zusammen mit seiner Frau Edith Kristan-Tollmann, einer weltweit bekannten Mikropaläontologin, erarbeiteten Buch „Und die Sintflut gab es doch“ (1993) hat er in populärer Form als einer der Ersten auf die realen Gefahren periodisch drohender Impaktereignisse aus dem Weltraum hingewiesen und den erdumspannenden Sintflutmythos mit einem solchen in der Frühzeit der Menschheitsgeschichte erfolgten Meteoriteneinschlag in Zusammenhang zu bringen versucht. Mit diesem Buch eroberte er zeitweilig die Spitze der Fachbuch-Bestsellerliste. Auch sein vorletztes Buch „Das Weltenjahr geht zur Neige“ (1998) kreiste um die Problematik einer aktuellen extraterrestrischen Bedrohung verbunden mit der detaillierten Prognose eines nahenden (und dann nicht eingetretenen) Weltunterganges.

 

Unter Ausblendung seines wohl in erster Linie für ihm selbst für seine persönliche Entwicklung wichtigen Spätwerkes hat Alexander Tollmann ein bleibendes Werk von gewaltigen Umfang hinterlassen, das noch lange die Grundlage weiterführender erd-wissenschaftlicher Forschungen bleiben wird. Vor diesem Hintergrund ist es unverständlich, dass ihm von öffentlicher Seite kaum eine Anerkennung oder Ehrung zuteil geworden ist. Hier wirkt möglicherweise sein von manchen Kreisen nicht goutiertes Anti-Zwentendorf Engagement mit, wie auch sein wenig kompromissbereites Wesen.

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